Das Risikomanagement-Feature deckt ökologische, soziale und Governance-Risikofaktoren (ESG) ab. Diese Risikofaktoren helfen Organisationen dabei zu verstehen, wie ihre Aktivitäten und Lieferketten Menschen und Umwelt beeinflussen können – und wie diese Auswirkungen im Zusammenhang mit internationalen Sorgfaltspflichtanforderungen stehen.
Die 20 Risikofaktoren von Retraced orientieren sich an etablierten Leitlinien anerkannter ESG- und Menschenrechtsrahmenwerke, darunter die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die OECD-Leitsätze für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, die Auslegungen des BAFA im Rahmen des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) sowie weitere international anerkannte ESG-Standards. Diese Faktoren sind unten dargestellt und den Bereichen Soziales, Umwelt und Governance zugeordnet.
Wenn Sie mehr über die verwendeten Risikoquellen erfahren möchten, werfen Sie einen Blick auf diese Liste.
Sozialbezogene Risikofaktoren
(1) Kinderarbeit
Dieser Faktor bewertet systemische Risiken, bei denen Minderjährige in wirtschaftliche Tätigkeiten eingebunden sind, die ihre Bildung, Gesundheit oder Entwicklung beeinträchtigen. Im Fokus stehen zugrunde liegende Ursachen wie wirtschaftliche Unsicherheit, eingeschränkter Zugang zu Bildung und schwache Arbeitsaufsichtsmechanismen, insbesondere in Hochrisikosektoren wie Landwirtschaft, Bergbau und verarbeitendem Gewerbe. Die Analyse betrachtet, wie Unternehmen und Lieferketten Risikopunkte identifizieren und Kinderarbeitsrisiken durch verbesserte Sorgfaltspflichten, soziale Schutzmaßnahmen und Drittparteienprüfungen adressieren können – insbesondere dort, wo arbeitsrechtliche Schutzmechanismen begrenzt sind.
(2) Diskriminierende Belästigung
Dieser Faktor untersucht Muster von Belästigung, die auf Vorurteilen gegenüber Identitätsmerkmalen wie Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Behinderung oder sexueller Orientierung beruhen. Er beleuchtet, wie sich solche Verhaltensweisen in unterschiedlichen Regionen manifestieren und welche Rolle Unternehmenskultur sowie institutionelle Normen dabei spielen, diese zu begünstigen oder ihnen entgegenzuwirken. Die Risikobewertung umfasst organisatorische Verantwortlichkeit, den Zugang zu Beschwerde- und Abhilfemechanismen sowie Schulungsmaßnahmen, die zu inklusiven und sicheren Arbeitsumgebungen beitragen – zentrale Indikatoren für ethisches Handeln und menschenzentrierte Governance.
(3) Zwangsarbeit & moderne Sklaverei
Dieser Faktor analysiert zwanghafte Praktiken, die Menschen in ausbeuterischen Arbeitssituationen festhalten, darunter Kontrolle durch Drohungen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Schuldknechtschaft und irreführende Rekrutierung. Er berücksichtigt Risikokontexte, in denen insbesondere migrantische Arbeitskräfte, informell Beschäftigte oder ausgelagerte Arbeitskräfte betroffen sind. Der Faktor unterstreicht die Notwendigkeit für Unternehmen, solche Bedingungen zu erkennen und verantwortungsvolle Arbeitsmanagementpraktiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette nachzuweisen – insbesondere in ausgelagerten oder wenig transparenten Bereichen.
(4) Vereinigungsfreiheit & Kollektivverhandlungen
Dieser Faktor bewertet, ob Arbeitnehmer:innen sich frei organisieren und mit Arbeitgebern verhandeln können und ob diese Bemühungen zu verbindlichen Vereinbarungen führen, die faire Arbeitsbedingungen gestalten. Er umfasst rechtliche und praktische Hürden wie Repressalien oder informelle Unterdrückung von Arbeitnehmervertretungen. Analysiert werden rechtliche Schutzmechanismen, Gewerkschaftsdichte und die Stärke von Verhandlungsrahmen, insbesondere dort, wo Machtungleichgewichte oder gewerkschaftsfeindliche Verhaltensweisen bestehen. Ein transparenter Umgang mit Vereinigungsfreiheit und sozialem Dialog ist ein zentrales Signal sozialer Verantwortung und der Prävention von Arbeitskonflikten. Der Grad der Vereinigungsfreiheit gilt als anerkannter Maßstab für ethische Beschäftigung und wird zunehmend Gegenstand externer Prüfungen in Beschaffung und Investorendialogen.
(5) Arbeits- und Gesundheitsschutz
Dieser Faktor fokussiert die Angemessenheit von Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung von Unfällen, Verletzungen oder arbeitsbedingten Erkrankungen. Dazu zählen Gefährdungsbeurteilungen, Notfallplanung, der Einsatz persönlicher Schutzausrüstung und Schulungen für Beschäftigte. Er spiegelt die Fähigkeit eines Unternehmens wider, eine präventive Sicherheitskultur zu verankern und Arbeitnehmer:innen insbesondere in körperlich anspruchsvollen oder risikoreichen Arbeitsumgebungen zu schützen – ein wesentlicher Indikator für die gesellschaftliche Akzeptanz des Unternehmens und die Robustheit interner Kontrollsysteme. Bewertet wird, ob Schutzmaßnahmen, Meldesysteme und Sicherheits-Governance wirksam sind und unternehmensweit umgesetzt werden. Hohe Unfallraten oder Nichteinhaltung von Sicherheitsstandards sind häufig Hinweise auf tieferliegende Defizite im Risikomanagement und können erhebliche Reputations- und Betriebsrisiken nach sich ziehen.
(6) Löhne
Dieser Faktor untersucht die Angemessenheit der Löhne im Verhältnis zu lokalen Lebenshaltungskosten, die Lohngerechtigkeit über demografische Gruppen hinweg sowie die Einhaltung gesetzlicher Mindestlöhne. Zudem werden Transparenz und Beschwerdemechanismen zur Behandlung unfairer Entlohnungspraktiken betrachtet. Faire Löhne sind ein wesentlicher Indikator für menschenwürdige Arbeit und inklusives Wachstum; ihre mangelhafte Umsetzung kann auf strukturelle Ungleichheiten oder Risiken von Arbeitsausbeutung hinweisen.
(7) Arbeitszeit
Dieser Faktor bewertet die Gestaltung und Durchsetzung von Arbeitszeitregelungen, etwa Schichtplanung, Ruhezeiten und/oder die Kontrolle von Überstunden, die das psychische und physische Wohlbefinden beeinflussen. Unregelmäßige oder übermäßige Arbeitszeiten können auf strukturelle Risiken hindeuten, darunter unzureichende Regulierung, mangelnde Mitbestimmung der Beschäftigten oder kommerziellen Druck entlang der Lieferkette. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Arbeitszeit spiegelt sowohl Produktivitätsinteressen als auch das Engagement des Arbeitgebers wider, Würde und Gesundheit am Arbeitsplatz zu schützen.
Umweltbezogene Risikofaktoren
(1) Luftqualität
Bewertet die Luftqualität sowie Schadstoffemissionen aus Produktions-, Energie- oder Transportaktivitäten und deren Auswirkungen auf lokale Bevölkerungen, die Gesundheit und Ökosysteme. Der Faktor spiegelt die operative Leistung bei der Vermeidung von Luftverschmutzung wider – sowohl in Bezug auf die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben als auch als Indikator für standortbezogene Umweltrisiken. Der Umgang mit Luftverschmutzungsrisiken steht für ökologische Verantwortung und die Fähigkeit eines Unternehmens, schädliche Auswirkungen seiner Tätigkeiten oder Lieferketten zu reduzieren, insbesondere in Regionen mit hoher Luftbelastung.
(2) Biodiversität
Bewertet den Zustand und die Stabilität von Ökosystemen anhand der Artenvielfalt, genetischer Variation und ökologischer Funktionen. Zudem werden Bedrohungen der Biodiversität wie Lebensraumzerstörung, Landnutzungsänderungen, Ressourcenübernutzung oder die Einführung invasiver Arten berücksichtigt. Dazu gehört auch die Bewertung der Wirksamkeit von Richtlinien, Schutzstrategien und unternehmerischem Verhalten. Der Schutz der Biodiversität ist entscheidend für die Stabilität von Ökosystemen, die Eindämmung des Klimawandels und die Kontinuität von Lieferketten. Unternehmen wird daher erwartet, auch in indirekten Beschaffungskontexten Verantwortung in diesem zentralen Handlungsfeld zu übernehmen.
(3) Klimarisiken & Anpassung
Fokussiert die Exponierung gegenüber klimabedingten Ereignissen wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder Dürren sowie die durch den Klimawandel verursachte allgemeine Instabilität und die Anpassungsfähigkeit von Betrieben oder Lieferketten. Berücksichtigt wird zudem, wie klimatische Volatilität gesellschaftliche Strukturen, Produktionsregionen und die Geschäftskontinuität verändern kann, einschließlich der Anfälligkeit von Lieferketten und des Vorhandenseins von Anpassungs- und Minderungsmaßnahmen. Insgesamt bewertet der Faktor die weitreichenden Auswirkungen der Klimakrise auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft und fördert ein vorausschauendes Risikomanagement, das ökologische Realitäten integriert und Resilienz entlang von Netzwerken stärkt.
(4) Gefährliche Chemikalien
Dieser Faktor bewertet regulatorische Rahmenbedingungen sowie den Umgang mit und die Exposition gegenüber gefährlichen chemischen Stoffen (Beschaffung, Handhabung, Lagerung und Entsorgung). Dazu gehört die Prüfung der Identifikation und Klassifizierung von Stoffen sowie der Wirksamkeit von Sicherheitsprotokollen und Schutzmaßnahmen für Beschäftigte und Gemeinschaften, um Auswirkungen von Chemieunfällen und Leckagen zu vermeiden oder zu mindern. Fehlmanagement kann zu Umweltverschmutzung, Gesundheitsschäden bei Beschäftigten und Beeinträchtigungen der öffentlichen Gesundheit führen und macht das Chemikalienmanagement zu einem zentralen Leistungsindikator nachhaltigen Wirtschaftens.
(5) Physische Belastungen
Erfasst Risiken durch physische Stressoren wie Lärm, extreme Temperaturen, Vibrationen oder Strahlung, die die Gesundheit von Beschäftigten beeinträchtigen können. Diese Belastungen werden insbesondere in industriellen und logistischen Umgebungen häufig unterschätzt, können sich jedoch über die Zeit kumulativ auswirken und erfordern gezielte Präventionsmaßnahmen seitens Unternehmen und staatlicher Akteure. Das Vorhandensein oder Fehlen solcher Maßnahmen zeigt, wie gut betriebliche Sicherheitssysteme nicht sichtbare Risiken erfassen und das allgemeine Wohlbefinden der Beschäftigten berücksichtigen.
(6) Abfall
Bewertet die Entstehung, Behandlung und endgültige Entsorgung von festen und gefährlichen Abfällen, einschließlich informeller Verbrennung, Deponierisiken und Recyclingpraktiken. Berücksichtigt werden zudem Kreislaufwirtschaftsstrategien, regulatorische Rahmenbedingungen und die Rückgewinnung von Materialien. Fehlendes Abfallmanagement trägt zu Umweltverschmutzung und Gesundheitsrisiken bei, während wirksame Systeme operative Kontrolle, Umweltbewusstsein und die Ausrichtung an einer umfassenden Umwelt-Risikogovernance signalisieren.
(7) Wasser
Dieser Faktor analysiert die Verfügbarkeit, Qualität und das Management von Wasserressourcen, einschließlich rechtlicher Schutzmechanismen und der Wirksamkeit von Richtlinien zur Wassernutzung. Dazu gehört die Bewertung von Risiken im Zusammenhang mit Wasserknappheit, Verschmutzung und unzureichender Infrastruktur in Produktions- oder Beschaffungsregionen. Zudem wird betrachtet, ob Wasser als gemeinsame und begrenzte Ressource verstanden und entsprechend behandelt wird. Dies schafft den Kontext, in dem Unternehmen ihre erwartete Verantwortung für den Schutz des Wasserzugangs nachweisen können, um sicherzustellen, dass ihre Aktivitäten weder lebenswichtige Ökosysteme noch den Zugang von Gemeinschaften zu Wasser beeinträchtigen.
Governancebezogene Risikofaktoren
(1) Bestechung & Korruption
Bewertet die Verbreitung, Ausprägungen und Auswirkungen korrupter Praktiken innerhalb von Organisationen, Branchen oder staatlichen Institutionen. Dazu gehört die Analyse der Mechanismen, über die Bestechung, Veruntreuung, Betrug und andere Formen der Korruption stattfinden, die Identifikation besonders anfälliger Sektoren und Prozesse sowie die Bewertung bestehender rechtlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen zur Korruptionsbekämpfung. Zudem wird die Wirksamkeit interner Kontrollsysteme, Compliance-Programme und ethischer Standards zur Prävention korrupter Praktiken betrachtet. Korruption untergräbt Fairness, verzerrt Märkte und erhöht rechtliche wie reputationsbezogene Risiken – weshalb robuste Antikorruptionssysteme eine zentrale Grundlage für glaubwürdige ESG- und risikobasierte Ansätze darstellen.
(2) Unternehmensführung & ethisches Verhalten
Bewertet die Einhaltung ethischer Geschäftspraktiken, einschließlich Transparenz, Rechenschaftspflicht, Einbindung von Stakeholdern und den Umgang mit Fehlverhalten. Darüber hinaus werden Missstände infolge von Fahrlässigkeit, Intransparenz oder schwacher Governance analysiert. Dies umfasst die Prüfung von Unternehmensrichtlinien, Hinweisgebersystemen sowie der Historie unethischen Verhaltens oder des Unterlassens von Maßnahmen trotz erkennbarer Schäden. Die Stärke der Governance ist sowohl ein grundlegendes Element von ESG als auch ein zentraler Indikator dafür, ob Unternehmen Schäden in ihren Tätigkeiten verhindern, steuern oder fortbestehen lassen. Ein starkes ethisches Rahmenwerk, Transparenz und wirksame Abhilfemechanismen gelten selbst dort, wo Durchsetzung schwach ist, als Mindestanforderungen internationaler Sorgfaltspflichtstandards.
(3) Beschäftigungsungleichheit
Untersucht Ungleichheiten beim Zugang zu Beschäftigung, bei Entlohnung, Beschäftigungssicherheit und Karriereentwicklung in Bezug auf Geschlecht, Herkunft, ethnische Zugehörigkeit, Alter, Behinderung oder andere soziale Merkmale. Hervorgehoben werden strukturelle Benachteiligungen und Ausschlüsse sowie die Auswirkungen von Vorurteilen in Rekrutierungs- und Beförderungsprozessen. Der Abbau von Ungleichheiten ist zentral für soziale Nachhaltigkeit und Integrität am Arbeitsplatz; unterlassene Maßnahmen können rechtliche Prüfungen oder Widerstand von Stakeholdern nach sich ziehen.
(4) Zwangsräumungen & unfreiwillige Umsiedlung
Analysiert das Vorkommen, die Ursachen und Folgen der unfreiwilligen Vertreibung von Einzelpersonen oder Gemeinschaften sowie die damit verbundenen Risiken, etwa im Zusammenhang mit Infrastrukturprojekten, Landakquise oder Naturschutzmaßnahmen. Bewertet werden rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen für Räumungen, die Einhaltung von Menschenrechten und rechtsstaatlichen Verfahren sowie die Auswirkungen auf betroffene Bevölkerungsgruppen. Zudem werden die Beweggründe für Zwangsräumungen sowie die Angemessenheit von Entschädigungen, Umsiedlungsunterstützung und rechtlichen Rechtsmitteln für Betroffene betrachtet. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Land erfordert freie, informierte und faire Verfahren, die Beeinträchtigungen für Gemeinschaften minimieren und den sozialen sowie kulturellen Bezug zum Land respektieren.
(5) Landrechte & Unsicherheit von Landnutzungsrechten
Bewertet den rechtlichen und gewohnheitsrechtlichen Status des Zugangs zu Land sowie die Fairness von Eigentumsverhältnissen, insbesondere in ländlichen oder indigenen Gebieten. Dies schließt Risiken wie Landraub, Nutzungskonflikte und fehlende formale Registrierung ein. Die Analyse betrachtet zudem die Wirksamkeit rechtlicher Rahmenbedingungen und Governance-Strukturen zum Schutz von Landrechten, insbesondere für marginalisierte und verletzliche Bevölkerungsgruppen. Darüber hinaus werden die Auswirkungen von Landrechtskonflikten auf soziale Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und Umwelt berücksichtigt. Unsichere Landrechte erhöhen das Risiko von Konflikten, Protesten oder Betriebsunterbrechungen und erfordern von Unternehmen ein umsichtiges, transparentes und faires Vorgehen bei Landtransaktionen und Beschaffungspraktiken.
(6) Fehlverhalten & Missbrauch durch Sicherheitskräfte
Bewertet, ob Sicherheitsakteure – privat oder staatlich – exzessive Gewalt anwenden, Missbrauch begehen oder Menschenrechtsverletzungen verüben, insbesondere in Regionen mit schwacher Governance. Dazu gehört die Analyse bestehender Rechenschafts- und Kontrollmechanismen zur Verhinderung solcher Übergriffe. Zudem werden die Auswirkungen dieser Praktiken auf öffentliches Vertrauen, soziale Stabilität und internationale Beziehungen betrachtet. Darüber hinaus fließen Schulungsmaßnahmen, operative Leitlinien und kulturelle Faktoren innerhalb von Sicherheitskräften in die Bewertung ein, die solches Verhalten begünstigen oder ihm entgegenwirken können.
